Zeichnen mit Martina Wald (28.7.2018)

 

Ein Tag im Naturhistorischen Museum alleine wäre schon besonders. Mit sieben weiteren Workshopteilnehmern und Martina Wald war es ein beeindruckender Tag.

 

Das Zusammentreffen unspektakulär. Martina begrüßt jeden und fragt nach dem Vornamen. Danach stellt sie uns die restlichen anwesenden Teilnehmer mit Vornamen vor. Dann geht es los.

 

Den eigenen Lieblingsstift auf dem Papier spielen lassen. Linien ziehen. Wieviele Möglichkeiten finden sich, unterschiedliche Linien zu ziehen?

 

Martina hat uns einen dicken Grafitstift mitgebracht, zum Ausprobieren für Menschen wie mich, die noch nie mit einem solchen gezeichnet haben. Er liegt mir in der Hand, als wäre er dort schon immer gewesen. Liebe auf den ersten Blick. Alle, die ihn mögen, dürfen ihn am Ende des Tages behalten.

 

Wir bekommen 15 Zettelchen von Martina und jeder soll pro Blatt einen Strich darauf machen. Danach werden die Papiere weitergegeben. Wir suchen aus einem fremden Päckchen drei Zettelchen aus, die uns am meisten ansprechen. Diese „drei mal acht“ zeigt Martina dann in der ganzen Runde herum. So viele unterschiedliche Linien auf Papier bei nur 24 Zetteln.

 

Anschließend ziehen wir los im Affenzimmer. Vorgabe von Martina: „In 25 min. mindestens 5 Zeichnungen. Achtet auf die Dynamik und spielt mit den unterschiedlichen Strichstärken.“

 

Ich bin erleichtert, dass Martina nicht davon sprach, Affen zu zeichnen. Ich schaue auf die Linien der Rücken und Schwänze der Affen und die, die mir interessant erscheinen, zeichne ich. Ich denke nicht ans Affen zeichnen, nur an die interessanten Linien und Schwünge. Dabei entstehen sie, wie nebenbei. 7Affen auf Papier. Zum Abschluss gibt es einen kurzen Austausch und wir zeigen den anderen unsere zwei Lieblingsaffen.

 

Die Zeit verläuft wie im Flug, schon ist Mittagspause. Eine halbe Stunde raus in den Park. Frische Luft tut gut. Das Museum ist nicht klimatisiert und gleicht an dem Tag einer Sauna.

 

Weiter geht es damit, dass Martina eindrucksvoll erklärt, dass unsere Augen und Hände sehr gut zusammenarbeiten können, wie z.B. beim Autofahren. Die Hände tun, was die Augen sehen beim Lenken. Also könnte das doch auch beim Zeichnen so klappen. Wir bekommen einen Zettel, der auf den Bleistift gesteckt wird, dieser verdeckt die Spitze. „Stellt euch vor, eure Augen sind wie Laserstrahlen. Sie tasten die Konturen ab und der Stift zeichnet gleichzeitig auf dem Papier, was er sieht, ohne den Stift abzusetzen und ohne zu schauen. Fangt soviele Schmetterlinge wie möglich ein“ – damit schickt uns Martina los. Schmetterlinge, Käfer, Würmer, Libellen, Krabben, Krebse,…

 

Ich bemerke sofort, dass meine Augen-Hand-Koordination nicht so gut klappt. Obwohl ich bestimmt gut Autofahren kann, bemerke ich, dass sie beim Zeichnen ein unterschiedliches Tempo haben. Die Augen schaffen es auch nicht gut, die Konturen zu umrunden. Ich sehe ständig das Tier im Gesamten. Schwer zu beschreiben, es macht wohl jeder seine ganz individuellen Erfahrungen damit. Am Ende kommen einige spannende Wesen zustande, die das Bewusstsein so nicht produzieren würde. Beim abschließenden Austausch, zeigt Martina wieder einige unsere Gestalten der gesamten Runde.

 

Wir wandern weiter in ein Vogelzimmer. Dort zeichnen wir anfangs, in einer Runde sitzend, Porträts. Martina gibt uns eine Fotokarte nach der anderen von Persönlichkeiten aller Art. Unsere Aufgabe ist es, so schnell, wie möglich, Porträts zu zeichnen. Ich verstehe, dass Martina uns dazu hinführen möchte, dass wir nicht wegen eines bestimmten Ergebnisses zeichnen, dass wir uns nicht viele Gedanken während des Zeichnens machen sollen. Sie betont auch, dass wir zeichnen sollen, ohne dazwischen ständig in die Betrachterrolle zu gehen (Kritiker, Zweifler, Begeisterter,…). Zeichner und Betrachter sind zwei unterschiedliche Rollen, wird mir an diesem Tag so richtig bewusst.

 

Ich zeichne und zeichne und versuche, dass Ergebnis nicht besonders zu beachten. Immer wieder kommen Gedanken in den Kopf - „zum Glück ist der schon tot, sonst würde er jetzt tot umfallen, wenn er meine Zeichnung sehen könnte“. Ich bemerke, dass mir manche Persönlichkeiten leichter fallen zu zeichnen, so dass sie zumindest im Ansatz wiederzuerkennen sind, als andere. Wieder betrachten wir am Ende zwei Lieblingsporträts von allen Teilnehmern.

 

Schon sind wir beim letzten Projekt angelangt. Wir bekommen 25 Blättchen mit vorgezeichneten Rahmen von Martina (ca. 6x7 cm). Unsere Aufgabe, in 30 min. sollen alle 25 Blätter bezeichnet sein.
Maximale Konzentration. Losstarten, zeichnen, zeichnen, zeichnen, wenig Denken, zügig weiterzeichnen. Es ist möglich. Genial. Eine Serie entsteht. Der Strich wird dynamisch – es zeichnet sich. Ich stehe eine halbe Stunde vor einem ausgestopften Vogel Strauß und zeichne alle Aspekte, die mir in den Sinn kommen. Am Ende freue ich mich so sehr, dass ich es geschafft habe. Die Zeichenergebnisse werden völlig zweitrangig. Martina sammelt die Päckchen ab und verteilt sie neu. Aus dem fremden Päckchen gilt es nun drei Zeichnungen auszuwählen. „Ihr seid Kuratoren einer Ausstellung und überlegt euch eine Begründung, warum ihr gerade die drei ausgewählt habt.“

 

Wir bekommen drei Passepartout-Karten  und ein doppelseitiges Klebeband. Damit lassen sich die Blättchen perfekt in die Karten kleben. Also zumindest von Menschen, die nicht wie ich, räumliche Schwierigkeiten haben. Ich schaffe es nämlich auch, alle drei Papiere „verkehrt“ hineinzukleben. Die Gruppe hilft mir aber, es zu korrigieren.

 

Martina legt sie als Ausstellung auf einen Tisch. 24 Bilder, die wir nun betrachten können. Tolle Arbeiten. Abschließend begründet jeder seine Auswahl. Bestimmt spannend für alle, welche Bilder aus dem eigenen Stapel ausgewählt wurden und warum.

 

Martinas Großzügigkeit ist beeindruckend. Wir bekommen noch Kuverts für unsere Bilderkarten.

 

Zum Abschluss teilt uns Martina noch einen vorbereiteten Fragebogen zum Tag aus, den wir ausfüllen und in ein Kuvert stecken und mit unserer Adresse beschriften. In einiger Zeit erhalte ich also eine Zusammenfassung von dem Tag in Briefform in meinen Postkasten. Mit einem Notizheftchen mit roter Masche und Spruch werden wir auch noch beschenkt.

 

„Wenn du sehen willst, dann sieh unmittelbar. Fängst du an, nachzudenken, verfehlst du es.“

 

(Daisetz T. Suzuki)

 

Ein Tag voller Zeichenlust, durch die Begeisterung von Martina und ihrer herzlichen und großzügigen Art, ein ganz besonderes und für jeden, empfehlenswertes Erlebnis.

 

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